Maria Cristina Tangorra und der angebliche Flug der Farben

Italiano

von Andrea B. Del Guercio

Kaleidoskop Freiburg, 2017

Gleich zu Beginn meines kritischen Beitrags zum Werk von Maria Cristina Tangorra möchte ich ihr elegantes Buch „Il Giardino e la Pittura“ (Der Garten und die Malerei), erwähnen, das auch eine zentrale Stelle auf dem Ausstellungs- Parcours einnimmt und nicht nur Ergebnis ihrer künstlerischen Suche ist, sondern darüber hinaus eine innere Entsprechung hat. Wenn das Buch zum Repertoire eines Künstlers gehört, bedeutet das, dass er ein Interesse für die interdisziplinäre Dimension der künstlerischen Sprache hegt, über vielfältige Interessen verfügt und den Willen besitzt, dem Alltag Ästhetik abzuringen: „Wie der Gärtner in seiner Arbeit Ethik und Ästhetik vereint, so sucht auch der Maler bei seiner Arbeit einen erdachten Ort, das Theater einer fortscheitenden Entfremdung von der Natur auf der Suche nach einem privaten Zufluchtsort, einem perfekten Ort“. Die Dimension des Gartens, einem Kaleidoskop an Farben, Formen und Düften, entspricht einer kreative Haltung, die dank der Kenntnis altmeisterlicher und in Bezug auf zeitgenössisches Schaffen ständig überprüfter Techniken in der Lage ist, die Unabhängigkeit der jeweiligen Themengebiete auszuloten. Die diesjährige Ausstellung und Maria Cristina Tangorras Installation stellen die Unabhängigkeit der Künstlerin von traditionellen Techniken unter Beweis, zeigen einen Zugang zu Techniken und künstlerischen Ausdrucksweisen, die eine eigenständige, außergewöhnliche Künstlerpersönlichkeit erkennen lassen. Die drei ausgewählten Werke, die allesamt choralen Charakter haben und aus der jüngsten Schaffensperiode stammen,
machen deutlich, dass nicht Themenkreise, sondern Systeme im Vordergrund stehen. Die künstlerischen Prozesse beruhen auf einer besonnenen Erneuerung der Techniken der Bearbeitung, auf diese Weise werden dem jeweiligen Thema spezifische Werte und Eigenschaften hinzugefügt. Bei der Bearbeitung der drei Werke fällt auf, dass sehr unterschiedliche Materialien zur Anwendung kommen; das handwerkliche Geschick und Können rückt somit in den Vordergrund und nimmt eine zentrale Stelle ein.
Ein Können, das sich in der Ausarbeitung des Freskos „Dodici giardini / Zwölf Gärten“ (2009) offenbart, die wie archäologische Fragmente elegant in abgeschlossenen Vitrinen dargeboten werden, als Zeugen der Erinnerungskultur. Die Vorliebe für das
Dekorative, für perfektionierte Formen, äußert sich nicht nur in Eleganz, sondern auch in Form von Strenge und Einfachheit, auf halbem Weg zwischen Linearität und Tiefe; eine Vorgangsweise, die antike Herbarien und Gartenkultur, antike Freskenzyklen und die Kunst des Mosaiks in Einklang bringt. Kostbare Stimmungen von „Goldgründen“ weist das Diptychon „Unio, Luce scura – Unio, Notte chiara / Vereinigung, dunkles Licht – Vereinigung, helles Licht“ (2014) auf, bei dem die Suche nach der Schönheit der Beschäftigung mit antiken Kulturen entspringt, jedoch auch Vermischung dekorativer Strömungen in der zeitgenössischen Kunst ist; die vertikale Entwicklung der Gemälde, ähnlich großen Altarbildern, die eine weltliche Spiritualität im Gleichgewicht zwischen Tag und Nacht zum Ausdruck bringen, ermöglicht Cristina Tangorra die Auseinandersetzung mit der Dimension des Wohnraums Auch der jüngere Zyklus „Zavorre / Ballast“ (2015), bei der sich die künstlerische Aufmerksamkeit wieder dem Außenraum und der Beziehung mit der Natur zuwendet, bestätigt, wie sehr das Interdisziplinäre und Experimentelle dem künstlerischen Schaffen zugutekommt, sie öffnen den Weg der spirituellen Erfahrung und des moralischen Werts. Cristina Tangorra ersetzt die Eleganz des antiken Freskos durch Beton und Eisen, interagiert direkt mit dem Raum und macht so einen völlig neuen Zugang möglich. Mit der Leichtigkeit des Tanzes entsteht eine luftige Installation, die den dialektischen Zustand spürbar macht, der dem Leben zugrunde liegt; zwischen Stabilität und Instabilität, Geometrie und ungefährer Annäherung, Sicherheit und Freiheit tritt der Betonblock in einen Dialog mit dem Eisenstab und dem angeblichen Flug der Farben.

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