Michael Ott – Vom Fluss der Ereignisse und ihrer Schichtung

Italiano

von Andrea B. Del Guercio

Kaleidoskop Freiburg, 2017

In der versunkenen Atmosphäre eines Ateliers, in dem Reflexion und Gedanken frei schweifen, begegnete mein Blick einer Erzählung in Bildern: Von einer freien Fläche in einem historischen Ortskern am Bodensee durchschritt ich einen Park, betrat vom Kirchplatz kommend die Schwelle und schließlich den Andachtsraum des Freiburger Münsters; in den Einzelbildern und dem Vorbeiziehen von Filmstreifen, die der Lektüre der Orte verpflichtet sind, nimmt das Leben im Sich-Entblättern verschiedener Präsenzen allmählich Form und Seele an. Die Beziehung, die der Künstler mit dem städtischen Raum und der Innenarchitektur eingeht, enthält in ihrer Tiefe Spuren dessen, was die Schichtungen der (Besuchs)-Zeit als nicht wahrnehmbares Substrat hinterlassen haben. Das von Michael Ott angewendete Ausdrucksverfahren zur Zeitermessung scheint nach und nach in die authentische Dimension eines Gedächtnisarchivs überzugehen. Es sind Formen einer schlichten Alltäglichkeit, ohne Selbstbezogenheit und überflüssige Überbauten, die eben in der Schlichtheit und Vertraulichkeit ihre Bedeutung und schließlich ihre Lebenspoesie entfalten. Durch das Werk von Ott, in dem Realitäten wieder aufscheinen, die allzu leicht vergessen werden, schauen wir die Landschaft unserer Existenz in Erlebnissen wieder; das, was die Sinne in der Unmittelbarkeit des Realen verlieren, rettet die künstlerische Arbeit in Formen von Schatten und Spuren, Stimmen und Geräuschen hinüber, die sich in der Zeit wiederholen. Sämtliche Bilder die der Künstler im Raum installiert und zum Sehen freigibt, werden zur bedeutsamen Zeugenschaft dessen, was die sehr persönliche künstlerische Empfindsamkeit Otts in der Lage ist, mit unserer Mithilfe bei der Bergung von Material und Emotionen zu enthüllen. Bringen uns die laufenden Bilder von Michael Ott dem Fluss der Ereignisse und ihrer Schichtung näher, so suggeriert uns die Auseinandersetzung mit seinen Fotografien den Verlust klarer Konturen von Zeichen und Volumen und führt uns in die emotionale Wahrheit der Ungewissheit ein, die uns mit ihrem Schein und Schatten, die von überallher einfallen, vertraut machen. Die Wirklichkeit nimmt im Werk von Ott die poetische Dimension des Verwässerten, einer von den Verfahren der Malerei unabhängigen Auflösung an, deren Erlebnis aber im perfekten Gleichklang der Expression mit dieser erfolgt. Die gezielten, immer exemplarischen Überleitungen dieser Kunst erlauben keine emotionale Distanz, keine formale Ablenkung, sondern fordern die bedingungslose Treue zu den Eingebungen der Empfindungen. In diesem ‚Klima der Erinnerung‘ taucht der Blick gleichsam in die Liturgie des Glaubens
ein, nimmt selbstvergessen an ihr teil und entdeckt die Sphäre der Heiligkeit der „Messe“ neu, begibt sich in ein Gespräch mit den Schatten der Spielenden in „Kinderbowle“ und teilt die unterschiedlichen Perspektiven unseres In-der-Welt- Seins in „Tauben“. Diese geschichtete, von der Erinnerung des Künstlers erschaffene und gelebte Landschaft findet ihre bevorzugte Auflösung in der handwerklichen Anfertigung mehrerer Lochkameras mit Mini-Monitor. In diesen Diabetrachter-Objekten wird die uralte Faszinationskraft eines Materials, frei von der nervenzerrüttenden Schärfe der neuen Medien, vollständig ins Heute hinübergerettet, um es in selbstgewählter, unserer Empfindsamkeit entsprechender Zeit zu besehen. Die kleinen Abmessungen dieser ‚scatola magica‘ legen eine kreisförmige Ausstellungsfläche nahe, die uns zum Frühling der Fotografie und zu den ersten Gehversuchen des Kinos zurückbringt, in der wir der Projektion nicht passiv gegenüberstehen, sondern im Gegenteil den Wunsch hegen, am ‚Sehen durch den Blick‘ des Künstlers teilzuhaben.

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