Thomas Matt – Kraftvolle Abstraktionsprozesse

Italiano

Großes Kammobjekt, 2017

 

von Andrea B. Del Guercio

Kaleidoskop Freiburg, 2017

Das in sich Geschlossene der Skulpturen Thomas Matts ermöglicht es, im Rahmen der Installation auf dem Ausstellungs-Parcours jene Objekte wieder zu finden, die die Grundlage dieser Kunstwerke bilden und ein kräftiges Zeugnis für sie ablegen
– einen Werkzyklus, über den ich gemeinsam mit dem Künstler diskutiert habe und den wir im Kontext und vor dem Hintergrund seiner künstlerischen Laufbahn analysiert haben, mit dem Blick auf die monumentalen, aus der weißen Schneedecke ragenden Skulpturen vor seinem Atelier. Vor allem in Bezug auf die Bildhauerei mit ihren spezifischen ästhetischen Werten bin ich der Überzeugung, dass es in außerordentlicher Weise zum Verständnis des Gesamtwerks beiträgt, wenn man den Ort aufsucht, an dem das Kunstwerk entsteht. Die Skulptur ist eindirekter Zeuge der Formen, die Teil der alltäglichen Umgebung des Künstlers sind, diese geben Verhaltensweisen und Erfahrungen wieder, die aufgrund der Beschäftigung mit dem Material und den daraus entstehenden Objekten deren Interpreten sind. Dabei geht es jedoch nicht um
einen Verzicht auf die Kultur des Realen, auf einen Verzicht der damit verbundenen, in Schichten angeordneten Erfahrungswerte, sondern um eine Neubewertung in Hinblick auf deren ästhetisches und symbolisches Vermögen. Unter diesem Aspekt habe ich das Atelier im Hochschwarzwald immer wieder besucht, einen Ort, wo über Generationen hinweg der Umgang mit dem Wald gepflegt wurde, in einer sehr kargen, lebensfeindlichen Umgebung; nur der unmittelbare Kontakt mit den Werkzeugen, die die Familiengeschichte prägen, ist imstande, dem eiligen Städter ein aussagekräftiges Bild zu vermitteln. Thomas Matt ist ein überzeugender Vertreter des zeitgenössischen Kunstschaffens, er hat Respekt vor einer großen Kultur und
will Zeugnis von ihr ablegen; von einer Kultur, die vor den großen technischen Neuerungen derModerne dem Menschen das Überleben ermöglicht hat. Der Künstler hat deren Werte wieder aufgenommen, weil er die Funktion der Werkzeuge aus eigener Erfahrung kennt, und hat deren Form in den Bereich der Kunst übertragen. Der ästhetische Wert der Zähne einer Heugabel,
die Schönheit einer Axt und eines Pfluges, der Eisenkeil, der einen Baumstamm spaltet, die ihnen zugrunde liegende Funktionalität: In abstrahierter Form tauchen sie in den Werken des Künstlers wieder auf. Schon vor dem Wohnhaus, das direkt mit dem Atelier und der Werkstatt verbunden ist, begegnet man monolithischen Skulpturen, Zeugen der lokalen Kultur; monumentale Arbeiten, die imstande sind, mithilfe der warmen Farbe des Eisens und des Rosts mit den unendlichen Tannenwäldern in einen Dialog zu treten. Aber erst wenn man die Werkstätte betritt und ins Atelier hinaufgeht, wo die ersten Zeichnungen und Pläne entstehen, bekommt man einen Eindruck davon, wie sehr Werkzeug und Kunstwerk übereinstimmen. Hier befindet sich eine faszinierende Reihenfolge von voneinander unabhängigen Skulpturen, die jedoch einem System zugehörig sind, bei dem Form und Funktion in einem Zusammenhang stehen und interagieren. Die Strenge dieser Objekte ist außerordentlich, ihre Kraft liegt nicht nur in ihrer Struktur, sondern auch in der Dimension des Schweigens, die sie
zum Ausdruck bringen; erstaunlich ist die Ausdruckskraft, die den Objekten innewohnt, den Werkzeugen, die den Boden, das Holz, den Stein bearbeiten. Sogar in kleinem Maßstab sind die Skulpturen sehr stark, reich an Faszination und innerer Wärme; Werke, die – in den Raum eingefügt – dank der Unabhängigkeit der dreieckigen Form eine Kraft mit sich bringen, die nicht zuletzt im Zeichen von Mobilität und Ungleichgewicht steht; Skulpturen, in denen die ehemaligen Funktionsweisen aufzublitzen scheinen, die ihnen von der Kraft der Phantasie, wenn auch nur kurz, zurückgegeben wird. Die Ausdruckskraft, die die Arbeit Thomas Matts prägt, offenbart sich in jedem einzelnen Werk, im Rahmen der Ausstellung durchdringt sie die
symbolische Ordnung, die auf das Leben im Atelier und in der Werkstätte verweist, wo die Objekte entstehen.

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