Bettina Bosch – Planetarische Spurensuche

Italiano

Horizons, 2013

von Andrea B. Del Guercio

Kaleidoskop Freiburg, 2017

Im Atelier von Bettina Bosch offenbart sich unmittelbar, dass Papier das bevorzugte Arbeitsmedium dieser Künstlerin und gleichzeitig Inspirationsquelle ihrer künstlerischen Suche nach plastischem Ausdruck darstellt; der hier zugrunde liegende,
vitale Ausdruckswillen drückt sich mittels eines ‚papiernen Universums’ aus mit dem Willen, die Wertigkeit und Beschaffenheit, die Möglichkeiten des Umgangs mit dem Material, die greifbare Stofflichkeit sowie die plastische und installatorische Dimension hervorzuheben. In seiner Einbindung als planetarischem Gebilde ist das einzelne Blatt Papier seiner ursprünglichsten Funktion der visuell transkribierten Aufzeichnung menschlicher Gedanken enthoben
und erhält – ausgedrückt in Papierformat und -stärke – eine völlig neue, unabhängige Bedeutung.

• Beim Betreten des Ateliers baut sich vor dem Betrachter die beeindruckende Monumentalität eines großen Monolithen auf, die sich aus einer dem Halbrund eines Buchrückens entspringenden Vielzahl einzelner Papierlagen in den Raum erstreckt. Die vertikale Entfaltung von „Horizon“ verleiht dem Werk die Größe und Majestät eines topografischen Denkmals als
Ergebnis der gewissenhaften Erkundung eines geologischen Raumes. Die kompositorische Aufeinanderfolge großer, kartonierter Papierschnitte verlässt die horizontale Lage des Bodens und Zeitzeugenrolle, öffnen sich in der Vertikalen und ermöglichen so eine rotative Lesart. Der von Bettina Bosch durchgeführte expressive Untersuchungs- und Umdeutungsprozess ist gekennzeichnet durch eine räumliche Verlagerung, lotet Orte der Umdeutung in ein linguistisches
System aus und öffnet sich für völlig neue Möglichkeiten von Vorstellung und Wahrnehmung. Ohne Bedeutungsverlust auf der Inhaltsseite erfährt der Hochschwarzwald in seiner geologischen Beschaffenheit auf der Kommunikationsebene eine aus neunundfünfzig symbolischen Denotaten bestehende Neudeutung.

• Auch das Werk „Huashan“ entspricht mit dem Umkippen seiner ursprünglichen räumlichen Position demselben Prozess der Analyse und Neudeutung des Raums, dessen spektakuläre Ausmaße sich dem Betrachter erst auf dem Weg durch die Ausstellung eröffnen. Ohne ihre formende Gestaltungskraft (natura plastica) zu verlieren nähert sich die konzeptionelle Dimension des Werkes von Bettina Bosch dem Raum in Form der Installation, die sich in ihrer spektakulären Größe vor dem Betrachter aufbaut, um ihm in vager Erinnerung an eine ferne Welt bisher ungeahnte Deutungsmöglichkeiten in neuer Lesart und Form zu suggerieren. • Die durch Überlagerung der großen Papierschnitte dargestellte Schichtung des territorialen Materials versagt es dem Betrachter, eine gewohnte Perspektive einzunehmen, sondern führt die psychologische Dimension durch Herabfallen der Schnitte von oben nach unten ein. Das Resultat des installatorischen Prozesses wirkt auf Grundlage der symbolischen Dimension des Papiers in seiner reihenweise geordneten und warmen chromatischen Schichtung des geologischen Raums äußerst stark auf die Wahrnehmungsebene ein und eröffnet dadurch eine veränderte Sicht auf unsere Gewohnheiten. • Auch im jüngsten Werk von Bettina Bosch steht das Papier im Mittelpunkt ihres kreativen Schaffensprozesses, nun aber exaltiert durch die Lebendigkeit expressiver Farbgebung; die Schichtung einer Vielzahl von Papierschnitten erzeugt eine geografische Neuordnung des Raums. Dabei bilden die Schnitte einen neuen und weitläufigen Werkzyklus und werden belebt durch chromatische Parameter wie Intensität und Kontrast, Dialog und Konflikt, die unserem Planeten somit die ihm innewohnende kraftspendende Dimension und vitale Energie zurückgeben.

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